Piemont – Beyond the Sky


Die meisten Enduros bekommen ihr Mopedleben lang nur Asphalt unter die Reifen. Dabei gibt es in den Alpen durchaus abenteuerliche Schotterstrecken. Das Mekka für echter Offroader liegt in Italien.

Von Prof. Michael Hoyer (Text und Fotos)

Gelände-Abenteuer an der Grenze des Fahrbaren sind in Deutschland fast nur noch in künstlich angelegten Offroad-Parks möglich. Den Nervenkitzel in freier Wildbahn findet der Offroad-Enthusiast in unseren Nachbarländern, etwa auf legal befahrbaren Schotterpisten im piemontesischen Valle di Susa, in der Maira Stura sowie der Maira Varaita. Im hochalpinen Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich wartet auf atemberaubend steilen Pfaden eins der größten Offroad-Abenteuer, das im durchzivilisierten Europa heute noch denkbar ist. 

Bis etwa 1999 war der Chaberton der höchste mit Motorfahrzeugen anfahrbare Punkt der Alpen (Schotterpiste) und genoss bei Geländefahrern einen legendären Ruf. Da die Strecke seit Jahren nicht mehr unterhalten wird, hat sich der Zustand sehr verschlechtert. Aufgrund von Hangrutschungen auf 1960 Metern Höhe ist ein Weiterkommen auch mit leichten Geländemotorrädern praktisch unmöglich.

Höhepunkt im norditalienischen Enduro-Mekka: Die Kammstraßen im Varaita-, Maira- und Stura-Tal sowie die spektakulären Auffahrten zum 2.801 Meter hohen Monte Jafferau sowie auf den 3006 Meter hohen Colle Sommeiller. Hier warten bis zu 20 Prozent Steigung auf extrem schmalen und teils abgebrochenen Pfaden.

Obwohl ich die alten Militärstraßen bereits alle gefahren bin, das Piemont übt einen besonderen Reiz auf mich aus. Sei es der Wein, sei es das feine italienische Essen oder seien es die gewaltigen Enduro-Herausforderungen – dieses Jahr haben wir ein ganz besonderes Ziel im Auge. Wir wollen auch auf den „König“ der alten Enduro-Pfade, auf den Mont Chaberton.

Bis etwa 1999 war der Chaberton der höchste mit Motorfahrzeugen anfahrbare Punkt der Alpen (Schotterpiste) und genoss bei Geländefahrern einen legendären Ruf. Da die Strecke seit Jahren nicht mehr unterhalten wird, hat sich der Zustand sehr verschlechtert. Aufgrund von Hangrutschungen auf 1960 Metern Höhe ist ein Weiterkommen auch mit leichten Geländemotorrädern praktisch unmöglich.

Doch der Reihe nach: Vom Schwarzwald aus ist es eine lockere Anfahrt bis Sampeyre, die durch drei Tankstopps, knapp 650 Kilometer und fünf Espressi gekennzeichnet ist. Irgendwie kann ich diesen Transferfahrten von zu Hause zum Ziel nie viel abgewinnen, und so setzt man sich einfach aufs Moped, schließt das Visier und bringt die Distanz so schnell wie möglich hinter sich. Kommt dann jedoch dort an, weiß man genau, dass ab jetzt das reinste Vergnügen, Thrill und beste Offroad-Pisten auf einen warten. Dann werden die Adern mit Endorphinen geflutet und man möchte kaum auf den nächsten Morgen warten, sondern gleich die steilen Gipfel erklimmen.

Unsere erste Tour führt über die aussichtsreiche Varaita-Maira-Kammstraße (VMKS), deren offizieller Name eigentlich »Strada dei Cannoni« lautet. Sie führt vom Westrand der Poebene über den Höhenzug zwischen Varaita- und Mairatal bis zum Colle della Bicocca am Fuße des Pelvo d’Elva (3064 m) und steigt dabei allmählich von 600 bis auf über 2300 m an. Die gesamte Kammstrecke ist geschottert und zum großen Teil gut zu befahren. Einige Passagen, die im Bereich von Hangrutschungszonen liegen, erreichen aufgrund von grobem und losem Schotter hohe Schwierigkeitsgrade, die dem Fahrer so einiges abverlangen.

Die eigentliche Kammstrecke beginnt bei Colletto di Valmala, dessen Scheitel nur ca. 100 m südlich der Straße liegt. Bis zum Colle della Ciabra tritt die Vegetation mehr und mehr zurück und es bieten sich schöne Ausblicke ins Varaita- und Mairatal. Später passiert man den nördlich der Straße liegenden Colle di Melle. Jenseits des Colle Birrone folgt der schwierigere Teil der VMKS. Nach einigen steilen und etwas ruppigen Kehren führt der Weg z.T. durch Hangrutschungszonen mit grobem Geröll, die sich über den Colle Rastcias bis fast zur Bassa d’Ajet fortsetzen.

Danach wird die Strecke wieder besser. Nach grandiosen Fern- und Weitsichten kreuzt man am Colle di Sampéyre die asphaltierte Straße von Sampéyre nach Elva, die Gelegenheit bietet, sowohl ins Varaita- als auch ins Mairatal abzufahren. Die Kammstraße setzt sich von hier aus noch über 6 km fort, bis man am Colle della Bicocca den Endpunkt der befahrbaren Strecke erreicht.

Der nächste Tag besteht zunächst aus einer sehr gepflegten Asphalttour an den Fuß des Monte Visio. Am Rande dieses über 3000 Meter hohen Berges entspringt auf gut 2000 Meter Höhe die Quelle des Flusses Po. Dieser 652 Kilometer lange Fluss mündet in Venetien in die Adria. Landschaftlich ist diese Gegend ein Traum. Dennoch dürstet uns nach einer wunderbaren Tour in die Quellregion nach Schotter. Ein Blick auf die Landkarte macht uns auf den Col La Colletta aufmerksam. Schnell haben wir den Ausgangspunkt dieser alten Militärstraße in Accegio angefahren und nun beginnt ein Offroad-Abenteuer auf 2830 Metern Höhe.

Der Weg ist in einem schwierigen Zustand und nicht umsonst wird dieser Straße unter den „100 dangerous roads of the world“ gelistet. Vor allem der Teil ab ca. 2500 Meter Meereshöhe ist einem sehr ruppigen Zustand, der reichlich Adrenalin verursacht. Bereits im vergangenen Jahr sind wir bis auf ca. 2750 Meter gekommen, wo uns dann Anfang Juli ein großes Schneefeld die Weiterfahrt versperrte.

Aus den Beschreibungen wussten wir, dass die letzten Höhemeter bis zu einem alten Sperrfort auf einem ausschließlich für Enduros zu befahrenen, knapp einem Meter breiten, extrem ausgesetzten Pfad mit einer Hangneigung von ca. 35 - 40 Grad zu bewältigen sind. Und wie das so ist – im einen Augenblick ist man noch völlig von der grandiosen Landschaft fasziniert, im nächsten befindet man sich bereits in voller Fahrt auf diesem sehr schwierigen Endstück.

Als Endurofahrer hat man gelernt: Wenn es schwierig wird, mehr Gas geben. Und wenn es noch schwieriger wird, dann noch mehr Gas geben… Und so „fliegen“ wir quasi die letzten Meter bis zum Gipfel hinauf und schauen uns ungläubig an, dass wir diese Stelle eigentlich ganz einfach bewältigt haben. Wie immer fotografieren wir auf dem Gipfel viel und versuchen, die adrenalingeschwängerten Nerven zu beruhigen. Doch der Gedanke an die Rückfahrt lässt schon ein wenig Respekt aufkommen, zumal das Wetter zu kippen droht. Rasend schnell kommt eine Gewitterfront auf uns zu, sodass wir die Abfahrt sowie die Rückfahrt nach Sampeyre angehen. 

Unser nächstes Ziel heißt Bardonecchia im Susatal. Diese Stadt ist bekannt durch die Winterolympiade von 2006 sowie für großartiges Offroad-Abenteur. Vor uns liegt nun der Col d’Agnel, der das Varaita-Tal in Italien mit dem Queyras-Tal in Frankreich verbindet. Er zählt zu den höchsten Alpenpässen nach dem Stilfser Joch und dem Col de l’Iseran und ist die höchste grenzüberschreitende Passstraße der Alpen. Wegen seiner Höhe ist er auch nur wenige Monate im Sommer befahrbar (ca. Mitte Juli - Mitte September).

Beide Passrampen sind asphaltiert, jedoch stellenweise etwas schmal und nicht immer im besten Zustand, dafür geht es auf dem für den Verkehr unbedeutenden Pass auch eher ruhig zu. Nach dem Col de Vars, den sicher die Radsportler von der Tour de France kennen, wartet ein weiteres Highligt auf uns: der 2672 Meter hohe Col du Parpaillon. Die unbefestigte Strecke über den Col du Parpaillon verbindet Châtelard im Ubaye-Tal mit Embrun im Durance-Tal.

Der berühmt-berüchtigte Scheiteltunnel des Col du Parpaillon kann es dabei in sich haben: Der Untergrund im Tunnel variiert je nach Wetter und Jahreszeit von tiefen Pfützen über schmierigen Schlamm bis zur soliden Eisplatte. Die eigentliche Passhöhe befindet sich in 2780 Metern Seehöhe. Diese kann jedoch nicht angefahren werden, da unter dem Passscheitel ein 520 Meter langer Tunnel in 2637 Metern Höhe die Südostrampe mit der Nordwestrampe verbindet. Die Erbauung der hochalpinen Strecke durch französische Soldaten begann im Jahre 1891 und fand aufgrund der widrigen hochalpinen Verhältnisse sowie der Schwierigkeiten beim Bau des für damalige Verhältnisse sehr langen Scheiteltunnels erst nach 20 Jahren im Sommer 1911 ihren Abschluss.

Landschaftlich ist diese Strecke eine der spektakulärsten Offroad-Straßen im Piemont. Vorsicht ist allerdings in hohem Maße auf beiden Passrampen angebracht: der Untergrund der nicht randgesicherten Strecke besteht hier zum Teil aus sehr groben Schotter und kann die Fahrt zu einem schmierigen und komplizierten Unterfangen machen.

Die beiden fahrerischen Highlights der diesjähren Offroad-Tour warten am nächsten Morgen auf uns. Bei Kaiserwetter machen wir uns nach einem frühen Frühstück auf die Fahrt zum höchsten legal anfahrbaren Punkt der gesamten Alpen. Der Colle Sommeiller ist vor allem bekannt durch das jährlich am zweiten Juliwochenende stattfindende Motorradtreffen »Stella Alpina«. Die Befahrung ist wegen des am Westhang nur langsam abtauenden Schnees oft nur im Spätsommer oder Frühherbst möglich.

Die Anfahrt beginnt in Bardonecchia und führt – zunächst noch asphaltiert – zu dem kleinen Ort Rochemolles. Kurz danach beginnt der unbefestigte Teil der Strecke, der aber hier noch gut fahrbar ist. Es geht weiter, vorbei am Stausee Lago di Rochmolles und hinein in das Hochtal bis zum Rifugio Scarfiotti am Talschluss.

Hier erwartet uns eine echte Überraschung. Seit diesem Jahr ist die Strecke ab hier mautpflichtig. Eine vergnügte Italienerin erklärt uns, dass wir für die nun folgende Strecke 5 Euro Gebühren zu bezahlen hätten. Ich frage freundlich nach, in welchem Zeitraum denn diese Maut fällig sei, und erhalte die Antwort, dass heute der letzte Tag sei – ab morgen sei der Sommeiller wieder kostenfrei. Die 5 Euro schrecken jetzt nicht so sehr, als dass man 24 Stunden wartet – aber interessant ist schon, dass im Zeitraum von Mitte Juli bis Ende August insgesamt 1466 Fahrzeuge auf den Sommeiller gefahren sind. Die Maut sei zur Instandhaltung der schwierigen Serpentinen im Schlussanstieg.

Nach dieser Begründung bezahlen wir die kleine Gebühr, erhalten einen lustigen Aufkleber, schließen das Visier, legen den ersten Gang ein und tuckern los. Ab hier wird die Strecke sowohl gröber als auch schmaler. Über 16 Kehren erreicht man die sehr karge Pian dei Morti. Hat man die steinige Hochebene passiert, folgt noch einmal ein Anstieg über mehrere Kehren hinauf bis zu einer als Wanderparkplatz hergerichteten Fläche. Eine Abfahrt nach Frankreich ist nicht möglich, auch die eigentliche Scheitelhöhe des Passes selbst kann nicht angefahren werden. Sie liegt nordöstlich eines kleinen Sees und ist – wie dieser auch – nur zu Fuß erreichbar.

Nach einer perfekten Portion Spaghetti Aglio-Olio in Bardonecchia nehmen wir die zweite große Herausforderung für diesen Tag unter die Räder:  Der Monte Jafferau ist ein 2805 Meter hoher, spektaukulärer Berg im Grenzgebiet zu Frankreich. Er erhebt sich östlich der Stadt Bardonecchia linksseitig der Dora di Bardonecchia und trennt das Gebiet von Bardonecchia von Valfredda.

Auf dem Gipfel befindet sich das am Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Fort Jafferau, eine bedeutende Festung, Teil des Vallo Alpino und eine der höchsten Befestigungsanlagen der Cottischen Alpen. Das gigantisch Schöne an diesem Gipfel ist die perfekte Weitsicht. In alle Himmelsrichtungen kann man schauen und staunen. Und in einer geschätzten Luftlinie von ca. 10 Kilometern sehen wir bereits unser morgiges Ziel – den Mont Chaberton. 

Die in Fenils beginnende Anfahrt zum Mont Chaberton – lange Zeit quasi der Ritterschlag für Enduro-Fahrer – ist seit dem Jahr 2000 gesperrt. Gehört bereits die Anfahrt zum Colle del Chaberton zu den schwierigsten Strecken in den Alpen, so setzt die Auffahrt vom Pass zum Gipfel – noch einmal reichliche 2 km – die Marke noch etwas höher. Zwar erreicht der Weg von der Trassierung her nicht ganz den Schwierigkeitsgrad der Passrampe, jedoch ist der Untergrund auf diesem Abschnitt wesentlich lockerer und die Trasse zum Teil kaum noch vorhanden bzw. erkennbar. Hinzu kommt, dass sich hier bis in den Spätsommer hinein Restschneefelder halten können, die wegen des lockeren Untergrunds nicht umfahren werden können.

Immer wieder habe ich den vergangenen Jahren staunend vor diesem aus der Ferne wie ein riesiger Klotz wirkenden Berg gestanden und mir vorgestellt, wie es wohl sei, ganz oben auf einer Höhe von 3136 Metern bei den acht Geschütztürmen zu stehen. Da eine Befahrung wohl wirklich nicht mehr in Frage kommt, beschließen mein Kompagnon und ich, diese legendäre Offroadstrecke vollkommen legal unter unsere Wanderstiefel zu nehmen und 1900 Höhenmeter zu Fuß auf den Gipfel zu steigen.

Bereits nach den ersten Kilometern des Aufstiegs wird schnell klar, dass diese Strecke von Fenils kommend auf den Chaberton für Enduros unmöglich ist. Natürlich wird es jetzt Puristen geben, die sagen, dass das Wort UNMÖGLICH unmöglich sei und dass alles möglich ist… Aber mit Endurofahren hätte das dann wirklich nichts mehr zu tun. Ich wage sogar zu behaupten, dass eine Fahrt mit dem Mountain-Bike an sehr vielen Stellen mit Schieben und Tragen verbunden wäre.

Der Aufstieg ist schweißtreibend und kräftezehrend. Die Schlüsselstelle am „gespaltene Fels“ mit einem nur noch knapp 50 cm breiten, ungesicherten Pfad lässt den Blick ungefähr 200 Höhenmeter senkrecht nach unten schweifen. Am Col de Chaberton trifft man auf die Route, die von der anderen Seite des Berges, von Montgenevre hochzieht. Ab hier schlängelt sich nun über fast 500 Höhenmeter eine tiefe und grobschottrige Serpentinenstrecke bis auf den Gipfel. Man merkt deutlich beim Steigen, dass die Luft tatsächlich ab ca. 2700 Höhenmetern dünner wird. Obwohl wir konditionell nicht die schlechtesten Läufer sind, schnaufen wir auf den letzten Metern gewaltig.

Auf dem Gipfelplateau befindet sich ein zerstörtes italienisches Fort mit acht gemauerten Geschütztürmen. Zu der 1901 nach mehrjähriger Bauzeit fertiggestellten Anlage gehören neben den Geschütztürmen noch die unterirdisch gelegenen Pulverdepots sowie die etwas unterhalb liegenden Unterkünfte. Die früher vom Gang zu dem Pulverdepots zu den Geschützen führende Treppe ist nicht mehr benutzbar; es bedarf deshalb etwas Kletterei, um auf die Türme zu gelangen.

Strategisch gesehen war die aufwändige Anlage ein Fehlschlag: Da die Geschütztürme oberirdisch lagen und ein gutes Ziel boten, benötigte die französische Artillerie im Juni 1940 nur vier Mörser und etwa 100 Granaten, um die Anlage außer Gefecht zu setzen. Ein verfallener Turm lässt sich leicht als höchster Punkt des Mont Chaberton erklettern. Von hier bietet sich ein tolles Panorama mit Blick über die gesamten Südalpen.

Der Abstieg in Richtung Fenils zieht sich dann unendlich. Die 1900 Höhenmeter verteilt auf 12 Kilometer Wanderstrecke, die wir am Vormittag hinaufgestiegen sind, wollen auch retourniert werden. Kein leichtes Unterfangen. Die letzten Kilometer laufen wir mit schmerzenden Knien und wackeligen Beinen. Eines wird aber sehr klar – der Mont Chaberton hat sicher nicht zu Unrecht einen so klangvollen Namen unter den Enduristen. Denjenigen, die diesen Berg erfolgreich unter die Reifen genommen haben, gebührt sicher der Ritterschlag. Wir sind aber auch ohne Stollenreifen und PS-Power hinaufgekommen – ganz per pedes - und sind auch stolz.

Kategorie: Adventure | Travel